»Es bedarf nicht viel um eine Rakete in den Orbit zu schießen. Eine Aufgabe schlicht genug für ein Elektronenhirn von der Größe eines Dinosauriers.«
– Oswald Isaak

#SatzFürSatz #Fortsetzungsgeschichte

Es ist ein staubiger Morgen, heißer als zuletzt.
Von oben drückt das Azur des wolkenlosen Himmels, wie auf der Postkarte am brombeerfarbenen Kühlschrank. Die Palmen von Miami Beach wölben sich mit dem strahlenden Papier. Wie alles in der Wohnung sind sie über die Jahre ausgeblichen.
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Ein stilisierter Astronaut mit magnetischem Rücken hält die Karte in ihrer Umlaufbahn um die Sonne, schwerelos kopfüber im Taumel durchs All.
Inspiriert vom Space Age ist der Kühlschrank mit den abgerundeten Kanten und verchromten Griffen ein längst verstummter Zeuge der Retrofuturismusbewegung.
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Hier draußen flirrt die Luft vor Hitze, alles ist zu grell und die Konturen bluten ineinander über, wie bei einem Fernseher mit Kathodenstrahl, bei dem der Zeilentransformator nachjustiert werden muss, damit das Kontrastverhältnis wieder passt.
Vornübergebeugt trottet ein Mann die Straße entlang.
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Anstelle eines Gehstocks, hat er eine Schaufel dabei, stützt sich darauf und hält kurz inne.
Unter dem alten Jeans-Cap blinzelt er voraus. Ein Stofftuch verdeckt sein verlebtes Gesicht zur Hälfte.
Er atmet schwer gegen den Staub. Schweiß tränkt seinen stoppeligen Bart und das Hemd unter der Weste.
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Als er nachts das Haus verlassen hatte, war die Luft beinahe erträglich gewesen.
Jetzt weicht die Morgensonne den Asphalt auf. Teerdunst sticht ihm in der Nase und die Sohlen seiner Sneaker ziehen Fäden wie Kaugummi.
Wabernd in der Ferne sind nur wenige Häuser zu erkennen.
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Eines davon ist minzgrün gestrichen und trägt eine enorme Satellitenschüssel auf dem Dach. »Nach Hause.«
Die örtliche Vegetation hat sich den Experimenten der letzten Kleingärtner und Botanikstudenten gebeugt und die Nachbarschaft in das Zerrbild eines Wüstenorts verwandelt.
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Der Boden ist rissig. Kakteen und Disteln blühen. Hie und da stehen noch Buchen mit aufgeplatzter Rinde und Linden, die keinen Schatten mehr spenden. Stur strecken sie die knochigen Äste der Sonne entgegen und ihre Wurzeln drücken die Platten des Bürgersteigs hoch. Von irgendwo ruft eine Krähe.
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Im Gegensatz zu Miami Beach hat keiner an Palmen gedacht, sie sind eine Leerstelle im Wüstenklima von Bochum.
Mit unerschöpflichen Ressourcen feierte der Brutalismus ein Comeback, wie zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Seine Monumente heben sich am Horizont ab und überdauern als Pyramiden der Moderne.
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Oswalds Kehle ist ausgetrocknet. Sein Schädel brummt von den schweren Benzoldünsten, wie wenn früher das Asphaltwerk im Industriegebiet einen besonders ertragreichen Tag hatte. Hemd und Jeans wetzen unangenehm auf seiner Haut. Der Gluthauch treibt Steppenläufer vor sich her.
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Die Bushaltestelle rückt in sein Gesichtsfeld.
Der Mülleimer liegt aus seiner Verankerung gerissen neben dem Unterstand. Reglos und fremdartig erinnert der zylindrische Leib mit der klaffenden Öffnung am Kopfende und den verbogenen Standfüßen an einen Roboter aus SciFi-Klassikern erster Stunde.
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Die Glasflächen sind in ein spinnwebartiges Splittermosaik verwandelt. Das Dach ist provisorisch mit altem Wellblech ausgebessert, in das der Rost Löcher gefressen hat. Ansonsten spendet es Schatten.
Oswald stellt sich unter, verschnauft und blinzelt sich den Schweiß aus den Augen.
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Kunststoffsitze braten in der Sonne. Darunter liegt ein knusprig ausgetrocknetes Gürteltier im Halbschatten und wartet auf einen Bus, der niemals kommen wird.
Oswald steht auf. Jedes Mal wird sein Fußmarsch durch die Nachbarschaft länger. Vorbei an aufgegebenen Häusern und geplünderten Geschäften.
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Das alte Fahrrad in der Böschung am Straßenrand erinnert an ein versandetes Tierskelett.
Brutzelnd wie ein Waffeleisen hinterlässt ein Kanaldeckel sein kariertes Muster samt DIN-Norm auf Oswalds Sohlen.
Auf dem Parkplatz des ehemaligen Baumarkts pickt eine Krähe an einem zerpflückten Artgenossen.
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An einer Auffahrt bleibt er stehen und stützt die Arme auf den Lattenzaun. Ein Schild mit Hundesymbol soll Unbefugte abschrecken. Die Jalousien am Haus hängen schief. Das verbeulte Garagentor schließt nicht richtig und der Garten ist Steppenland. Wie seine Besitzer ist auch der Hund fort.
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Er setzt sich wieder in Bewegung. Jetzt ist es nicht mehr weit. Bloß noch die Abzweigung an der Dornenhecke entlang und bis zur rotweißen Absperrung, die das aufgerissene Asphaltbett und den Schutthügel daneben eingrenzt.
Dort wartet sein Zuhause auf ihn, eine minzgrüne Oase am Ende der Straße.
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Er zieht die Schaufel hinter sich her.
Aus der Nähe schimmert das Dach im Siliziumblau der Solarziegel. Um die nutzlos gewordenen Fensteröffnungen im ersten Stock sind Kompressoren mehrerer Klimaanlagen angebracht. Statt eines Autos steht ein industrieller Wärmetauscher in der Garageneinfahrt.
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Wie eine groteske Industriedesign-Skulptur winden sich Lüftungskanäle mit Pyramidenprofil die Hauswand entlang und zu den Fenstern hinauf.
Ein Kleinbagger steht vergessen neben dem abgezäunten Erdloch im Bürgersteig, aus dem sich armdicke Stromleitungen emporschlängeln.
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Er geht nicht zur Haustür, sondern durch die Garage und nimmt gleich dahinter die Stufen in den Keller. Dort hat er sich eine Bleibe eingerichtet. Dort ist es tagsüber noch erträglich. Der Flur am Ende der Kellertreppe spaltet sich weiter auf. Hier hat er alles, was er für seine Arbeit braucht.
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Doch vorher braucht er eine Stärkung. Unter der Treppe liegt Feuerholz vom letzten Schneewinter nach dem Exodus. Die Tür daneben führt zu seinen Vorräten.
Auf Lastenregalen stehen kodierte Kartons, Einmachgläser und Konservendosen. In Fässern davor lagern Trockenwaren wie Bohnen, Hafer und Reis.
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Oswald nimmt sich eine Konserve mit Buchstabensuppe aus dem Regal und geht mit ihr in den Waschkeller. Neben dem Waschbecken steht ein Tisch mit einer Mikrowelle und darauf zwei Kochplatten. Er öffnet die Konserve, schüttet den Inhalt in ein Gefäß mit Deckel und packt es in die Mikrowelle.
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Lars Hannig

@LarsHannig@mastodon.social

Bevor er auf Start drückt, geht er zur Nasszelle und wirft seine staubig durchgeschwitzten Sachen in den Wäschekorb daneben. Er duscht sich kurz, trocknet sich ab und zieht ein frisches T-Shirt und Jeans an. Dann lässt er die Suppenschale für zweieinhalb Minuten in der Mikrowelle rotieren.
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January 22, 2024 at 3:52:30 PM
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